

Sind Konflikte vorprogrammiert? Dr. Beate-Claudia Frank im InterviewWarum gelingt es häufig nicht, Konflikte einfach zu vermeiden? Anzeige Dr. Frank Ich denke, dass es aufgrund der Urinstinkte des Menschen immer Konflikte geben wird. Schon immer sind Menschen aneinandergeraten (lat. confligo), früher wegen fruchtbarem Ackerland oder Thronansprüchen. Heute im Zeitalter der Globalisierung sind Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sehr nahe aneinandergerückt. Klar, dass diese Menschen hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen oder Bedürfnisse und Ziele aneinandergeraten. Vielleicht hätte sich der Mensch nicht so weiterentwickelt, wenn er nicht ständig mit anderen Menschen in Konkurrenz um etwas getreten wäre? Vielleicht ist es diese Gesellschaft von „Wölfen“, die für den Fortschritt unabdingbar ist? Oder – realistischer Weise – eine Welt nach dem Motto „Alle haben sich lieb“ einfach nicht dem menschlichen Wesen entspricht?
Warum entstehen Probleme immer wieder aufs neue? Dr. Frank Wie oft höre ich Menschen darüber stöhnen, dass es mal wieder Probleme gibt, könnte doch endlich mal wieder alles glatt laufen!! Wäre das nicht auf Dauer langweilig? Ich denke, dass Probleme, zu lösende Aufgaben (griechisch), zum Leben selbstverständlich dazugehören. Sind dies doch Herausforderungen und Chancen, um sich weiterzuentwickeln, eben mal wieder eine Aufgabe zu lösen. Wir lösen im Verlauf des Tages ständig irgendwelche Aufgaben oder begegnen Menschen, die einfach anders sind als wir, so dass der Umgang mit diesen Menschen uns als ein „Problem“ erscheint. Auch mit unserem Lebenspartner kann es immer wieder zu „Problemen“ kommen, lernen wir doch ständig neue Seiten an ihm / ihr kennen oder erleben ihn / sie in verschiedenen Situationen.
Warum müssen Profis helfen, Konflikte zu lösen? Dr. Frank Ab einer bestimmten Eskalationsstufe eines Konfliktes halte ich einen unbeteiligten Berater für unentbehrlich. Die beiden Konfliktpartner können so lange ihren Konflikt selbständig lösen, wie sie noch mehr kooperieren als sich in Konfrontation gegenüberzustehen. Ein Profi kann gezielt das eigentliche Konfliktthema herausarbeiten und eine kreative Konfliktlösung moderieren.
Ist das Erlernen von Kommunikation der erste Schritt zum Konfliktmanagement? Dr. Frank Kommunikation (lat.communis, gemeinsam), die Verständigung zwischen 2 Menschen, schlägt eine Brücke zwischen zwei Menschen. Dann können Konflikte frühzeitig erkannt und so gelöst werden, dass beide Konfliktpartner dabei gewinnen. Hilfreich für eine gegenseitige Verständigung ist es, dem anderen wirklich zuzuhören, sich auf ihn einzulassen, um seine Sicht der Dinge zu verstehen, die eigenen Gefühle zu spüren und dementsprechend die eigenen Interessen / Bedürfnisse zu artikulieren. Am besten in Form einer Ich-Botschaft, face-to-face, ohne gegenseitige Vorwürfe, Beleidigungen oder Flucht. Wie einfach wäre es, wenn die Menschen einfach miteinander reden würden?
Warum haben (Probleme) Konflikte im Zwischenmenschlichen nichts mit Intelligenz zu tun? Dr. Frank Ich kenne viele Menschen, die sehr intelligent sind und über sehr vieles nachdenken, was aber nicht heißt, dass sie keine zwischenmenschlichen Konflikte hätten. Unter zwischenmenschlichen Konflikten verstehe ich Konflikte, die die Beziehung der Beiden betreffen. Begegnen sich die Beiden in gegenseitiger Wertschätzung, z.B. in Form von körpersprachlicher Zuwendung oder einfühlsamem Zuhören? Nehmen sich beide in ihrer Andersartigkeit gegenseitig an? Begegnen sie sich in Augenhöhe? Um dies in Gesprächen zu erreichen, bedarf es eines hohen Maßes an Selbstreflexion, sozusagen einen Überblick über unsere unbewussten Anteile. Unsere Gefühlswelt wahrzunehmen und dementsprechend unsere Bedürfnisse dem Gesprächspartner mitzuteilen, ist eine Voraussetzung für zwischenmenschliche Kontakte ohne aneinanderzugeraten.
Warum müssen wir Konflikte auch als Chancen sehen? Dr. Frank Konflikte sind eine Chance für uns, denn die Menschen sind unterschiedlich, haben eine unterschiedliche Wahrnehmung, unterschiedliche persönliche Entwicklungen durchlebt etc. Beide Menschen, die aneinandergeraten, erfahren einen anderen Menschen in seiner Andersartigkeit. Und wenn sich beide wertschätzen, bietet diese Situation des Aneinandergeratens die Chance zur persönlichen Entwicklung beider Konfliktpartner und auf sachlicher Ebene die Entstehung einer dritten Möglichkeit. Kann doch durch die gemeinsame Diskussion zweier entgegengesetzter Meinungen eine dritte Lösung entstehen. Konflikte sind auch eine Chance insofern, als das ausschließliche Aneinandergeraten, die Streitlust, die Gefahr der Anarchie birgt. Nach dem Motto „Nur aus Chaos kann neues entstehen“. Hier finde ich es wichtig, dass wir eine Balance finden zwischen den beiden Extremen „Streitlust“ und „Konfliktvermeidung“. (Konfliktvermeidung als Lähmung jeglicher Lebendigkeit und Energie)
Gibt es Menschen, die besonders geeignet sind, in konfliktreichen Branchen zu arbeiten? Dr. Frank Ich finde, dass sich jeder Mensch viel Wissen und viele Fertigkeiten zur Lösung von Konflikten aneignen kann (methodische Kompetenz). Zusammen mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und Empathie für unsere Mitmenschen könnte jeder dazu in der Lage sein, Konflikte zu erkennen und so weit zu lösen, dass keine weiteren Energien gebunden werden, so dass der Arbeitsablauf gesichert ist. Aus meiner Sicht wäre es schon ein großer Fortschritt hin zu weniger Konflikten, wenn die Menschen erkennen würden, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern so viele, wie es Menschen gibt.
Woran erkenne ich, ob ein Mensch von Haus aus konfliktbeladen ist? Dr. Frank Menschen ohne innere Konflikte „haut so schnell nichts um“, denn sie sind innerlich ruhig, lassen ihre Gefühle zu und können damit umgehen. Oder anders formuliert: Menschen mit inneren Konflikten wirken auf mich unruhig, erleben äußere Faktoren wie z.B. Verhaltensweisen der Kollegen, als Bedrohung und reagieren dann mit Abwehr, Flucht oder Angriff.
Kann man alle Fertigkeiten lernen oder gibt es Mitarbeiter, bei denen man sich „totschulen“ kann? Dr. Frank Fertigkeiten, also Techniken, um Konflikte zu lösen, greifen erst dann, wenn der Mitarbeiter bereit ist, bzw. erkennt, dass er mit einem Menschen aneinander gerät, weil dieser eine Situation anders sieht oder empfindet als er selbst.Wenn ein Mitarbeiter mit der felsenfesten Überzeugung durch das Leben geht, dass es richtig oder falsch gibt, dann wird dieser Mitarbeiter mit vielen Menschen aneinandergeraten, zumal wenn er sich selbst nicht in Frage stellt oder der Überzeugung ist, dass Konflikte Angriffe auf seine Persönlichkeit sind und eher „liebenswertes“ zerstören, wie z.B. die „nette Gruppenatmosphäre“.
Gibt es Tipps für das Einstellungsgespräch, um besser auswählen zu können? Dr. Frank Ich gehe davon aus, dass weder ein streitlustiger noch ein konfliktscheuer Mitarbeiter sondern ein Mitarbeiter eingestellt werden soll, der Konflikte als Chance betrachtet. Dementsprechend würde ich folgende Kriterien bei der Auswahl beachten (die sich im Gespräch herausfinden lassen)
Und worauf sollte man in unserer Branche besonders achten? Dr. Frank Klar sind nicht alle Menschen gleich, insbesondere nicht hinsichtlich ihrer Eignung für bestimmte Arbeitsbedingungen, hier die Fitnessbranche. Beschäftigte in Dienstleistungsbetrieben sollten meiner Meinung nach offen auf Menschen zugehen, kontaktfreudig sein und, um Konflikte mit Kunden zu vermeiden oder auszustehen, innerlich ruhig sein, d.h. keine inneren Konflikte haben. Hinsichtlich der Eignung introvertierter Menschen fällt mir ein, dass es klar ein Mindestmaß an Offenheit und Kontaktfreude geben sollte, doch in einem Team mit unterschiedlichen Menschen und damit unterschiedlichen Mitarbeitern wäre es m.E. sehr stimmig entsprechend der unterschiedlichen Kunden, auch “stillere” und “extrovertiertere” Mitarbeiter zu haben. So könnten die Kunden entsprechende Ansprechpartner der gleichen Wellenlänge haben. Wichtige Eignungskriterien für den Dienstleistungsbereich sind für mich Offenheit, Neugier auf andere Menschen und auch für die eigene persönliche Entwicklung, Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und eigene Echtheit.
Quelle: fMi, 1/2007 [ HS ] |